KI-Selbsthilfegruppe Berlin-Kreuzberg
Editorial
Willkommen zur Freitagsausgabe.
Ab jetzt ist der Freitag unser großer Tisch: mehr Rubriken, mehr Praxis, mehr Tools, mehr Tiefe. Dazu längere Texte, eingebettete Videos, gelegentlich Gastkolumnen — kurz: weniger Snackautomat, mehr Menükarte.
Und was für eine Woche, um damit anzufangen.
Die KI-Welt hat gerade einen ihrer seltenen Momente, in denen sich Silicon Valley plötzlich anfühlt wie Washington mit besseren Hoodies. Anthropic bringt Fable 5 zurück — offenbar nicht ganz ohne sanften Druck aus der US-Regierung. Das allein wäre schon bemerkenswert. Denn bisher galt in der Tech-Welt: bauen, skalieren, entschuldigen, wiederholen. Dass eine Regierung nun bei einem KI-Modell mitredet, als ginge es nicht um Software, sondern um Urananreicherung mit Chatfunktion, markiert einen echten Bruch.
Man stelle sich vor, Apple hätte ein iPhone fertig, und das Weiße Haus sagt: „Nettes Gerät, aber vielleicht lieber erst nach der Sicherheitsfreigabe.“ Vor wenigen Jahren absurd. Heute: Dienstag.
Noch pikanter wird die Sache, wenn zugleich Berichte kursieren, OpenAI habe Washington einen Anteil von fünf Prozent in Aussicht gestellt. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Sicherheit, sondern auch um Macht, Geld und die alte Frage, wer eigentlich am längeren Hebel sitzt: die Regierung, die Plattformen — oder Sam Altman mit einem besonders gut gebügelten Pitchdeck.
Währenddessen hat OpenAI offenbar einen Weg gefunden, die Kosten seiner günstigeren Modelle drastisch zu senken. Tokenpreise runter, Margen rauf, Rechenzentren etwas weniger in Flammen. Die kolportierten Einsparungen: 50 bis 100 Millionen Dollar pro Monat. Eine Zahl, bei der normale Unternehmen eine Strategieabteilung gründen. OpenAI nennt es vermutlich „Dienstag, Teil zwei“.
Und genau hier wird es spannend: Wenn zentralisierte KI-Anbieter billiger werden, während Open-Source- und Open-Weight-Modelle mächtiger werden, verschiebt sich der ganze Markt. Dario Amodei warnt vor offenen Modellen ohne ausreichend Sicherheitsgeländer. Er hat damit nicht unrecht. Aber die Gegenseite fragt: Wer kontrolliert die Kontrollierenden?
Viele Fragen. Wenige Antworten. Sicher ist nur: Fable 5 ist da, es ist beeindruckend — und es ist teuer genug, dass man beim Prompten plötzlich wieder an Satzzeichen spart.
Viel Vergnügen mit den Links, Tools und Beobachtungen dieser Woche. Und wie immer: Wenn ihr gute Artikel, Gedanken oder Fundstücke habt, schickt sie gern rüber.
Cem
KI Update
Fable 5 ist zurück — und Washington gibt es frei
Dickeres Heft als sonst: oben die Schlagzeilen, dann Tools der Woche, die wichtigsten Business-Marker, ein paar längere Perspektiven zum Nachdenken, die relevantesten Tweets — und ganz unten die kritischen Stimmen. Nimm dir, was du brauchst.

🔴 Das Wichtigste zuerst
- Fable 5 ist zurück — weltweit, nach drei Wochen FreezeDas US-Handelsministerium hat die nach einem Jailbreak verhängten Exportkontrollen für Fable 5 und Mythos 5 fallen gelassen; Fable 5 läuft seit dem 1.7. wieder auf Claude Platform, Claude.ai, Claude Code und Cowork — im Gegenzug verpflichtet sich Anthropic zu proaktivem Security-Reporting. Achtung: nur bis zum 7.7. in Pro & Max, danach nur noch über Credits — das wird teuer!
- Claude Sonnet 5 — fast Opus-Niveau, deutlich billiger, ab sofort DefaultDas neue Mittelklasse-Modell kommt agentisch (Coding, Tool-Use, Reasoning) nah an Opus 4.8 heran, ist Standard für Free & Pro und kostet bis 31.08. nur 2 $/10 $ pro Mio. Token (danach 3 $/15 $).
- OpenAI zeigt GPT-5.6 (Sol / Terra / Luna) — breiter Rollout „in den kommenden Wochen“Die neue Familie (Flaggschiff Sol 5 $/30 $, Alltags-Terra, Billig-Luna) läuft auf Bitte der US-Regierung vorerst nur bei ~20 Partnern über API/Codex — die allgemeine Verfügbarkeit ist ausdrücklich angekündigt.
- Google schiebt Nano Banana 2 Lite + Gemini Omni Flash nachSchnelles, günstiges Bildmodell (Bild in ~4 Sek., $0,034/1.000 Bilder) plus Omni Flash für Videoerzeugung ($0,10/Sek.), beide als Public Preview in Gemini-App und API.
- Meituan open-sourced LongCat-2.0 — 1,6-Bio.-Coding-Modell komplett auf China-ChipsNear-Frontier Agentic-Coding-Modell (1M-Kontext, SWE-bench Pro 59,5), laut Meituan das erste Billionen-Modell, das end-to-end ohne Nvidia-GPUs (Huawei-Atlas-Cluster) trainiert wurde — ein direkter Angriff auf die Export-Kontroll-Logik.
- Anthropic startet „Claude Science“ — Workbench für ForschendeBeta (macOS/Linux) für alle zahlenden Nutzer:innen: 60+ vorkonfigurierte Skills/Connectoren für Genomik, Proteomik & Co., ein Reviewer-Agent prüft jede Zitation und Rechnung. Anthropic vergibt dazu bis zu 50 Grants à 30.000 $ (Bewerbung bis 15.07.).
- Claude ist GA in Microsoft Foundry (Azure) — erstmals auf NVIDIA GB300 Blackwell UltraClaude (Opus 4.8, Haiku 4) verlässt die reine AWS-Welt: GA auf Azure-Blackwell-Ultra, als Researcher-Agent im M365-Copilot und mit neuem Agent-Mode in Excel; Enterprises können Azure-Budget direkt auf Claude anrechnen.
- X betreibt jetzt einen gehosteten MCP-ServerKI-Tools wie Claude, Cursor oder Grok hängen sich per Model Context Protocol ohne eigenen Serverbau an die X-API (Posts suchen, Trends ziehen, publishen) — X reiht sich neben GitHub, Slack & Stripe ein. Los geht's bei 5.000 $, falls da jemand Interesse hat.
Kurz notiert — was kommt
- EU AI Act: harter Stichtag 2. August 2026Dann greifen u. a. GPAI-Transparenzpflichten; parallel soll der „Digital Omnibus“ Hochrisiko-Fristen auf Dez. 2027 strecken und neue Verbote (Nudifier-Apps, CSAM) ab Dez. 2026 bringen. Praxis fürs Tagesgeschäft: Wenn ihr KI in Videos einsetzt, sind die EU-Kennzeichnungs-Icons Pflicht — hier gibt's sie.
- Google verschiebt Gemini 3.5 Pro auf JuliVerpasste die Juni-Frist wegen Nachbesserungen bei Token-Effizienz und Long-Horizon-Performance, bleibt vorerst in begrenzter Vertex-Preview.
🛠 Tools der Woche
Best of der Woche — sofort anfassbar, kein „kommt irgendwann“. Reihenfolge grob nach „was die meisten direkt gebrauchen können“.
- Notion 3.6: interaktive HTML-Blöcke — und Claude & Cursor als TeammitgliederNotion-Agents bauen jetzt echte interaktive HTML-Blöcke mitten in eine Seite — einen ROI-Rechner oder ein Quiz, das live rechnet (einfach „bau mir einen ROI-Rechner für [Branche]“ sagen); nebenbei erzeugen sie auch PPTX, XLSX und DOCX. Noch spannender fürs Team: externe Agents wie Claude und Cursor lassen sich aus einem geteilten Board per @-Mention beauftragen und bei der Arbeit beobachten — dazu fünf neue MCP-Connections (Mercury, Mixpanel, Miro, Box, ClickHouse).
- Figma Config 2026: Code Layers, Motion & eigene AI-SkillsCode Layers (echter Code auf dem Canvas), native Motion, AI-Shader und — am spannendsten — eigene AI-Skills per Textprompt. So nutzt du's: dem Figma-Assistenten eine wiederholbare „Skill“ beschreiben und Tools wie Notion, Granola, Excel oder GitHub als Kontext andocken.
- Gemini in Chrome kommt auf AndroidSeiten zusammenfassen, Rückfragen stellen, mit „Nano Banana“ Bilder beim Browsen erzeugen, plus „Auto Browse“ für kleine Web-Erledigungen. So nutzt du's: in Chrome (Android 12+, aktuell US-Englisch) „fasse diese Seite zusammen“. Auto Browse ist AI-Pro/Ultra vorbehalten.
- Runway: Studio Trim + Seedance 2.0 in 4KStudio Trim — Clips trimmen, stitchen, umsortieren und exportieren an einem Ort — und Seedance 2.0 gibt seit dem 24.06. 4K aus. So nutzt du's: generierte Clips in Studio Trim zusammensetzen; für Kundenmaterial Seedance 2.0 mit einem der neuen 4K-Ratios (4–15 Sek.).
- OpenAI Codex Remote — jetzt GA auf allen ChatGPT-PlänenCoding-Tasks auf dem verbundenen Mac/Windows-Rechner starten und vom Handy abnicken.
- Cursor for iOS (Public Beta)Cloud-Agents vom Handy starten, per Voice briefen, PRs unterwegs mergen, bis zu 8 Agents parallel.
- NotebookLM: Short Video OverviewsVerwandelt Quellen automatisch in 60-Sek.-Hochkant-Erklärclips (Skript + KI-Voiceover, powered by Nano Banana 2 Lite); vorerst AI Pro/Ultra.
- Proton Lumo 2.0Privacy-Chatbot (Zero-Access-Verschlüsselung) kann jetzt Bilder erkennen/erzeugen, hat Thinking Mode und persistentes Projekt-Gedächtnis — für alle mit sensiblen Mandantendaten.
💰 Business-Marker

- Alphabet preist upsized Kapitalrunde von 84,75 Mrd. $ für AI-InfrastrukturAktienangebote, ATM-Programm und 10 Mrd. $ Private Placement (u. a. Berkshire Hathaway).
- Abu Dhabis MGX sammelt 49 Mrd. $ für einen der größten KI-Fonds überhauptDer erst zwei Jahre junge Staatsfonds spielt in der obersten Investoren-Liga mit.
- Meta will überschüssige AI-Compute vermieten — Aktie springt ~10 %Cloud-Geschäft à la AWS Bedrock; Neocloud-Werte wie CoreWeave & Nebius geben nach.
- Etched kommt aus dem Stealth: 5 Mrd. $ Bewertung, >1 Mrd. $ AufträgeTransformer-Inferenz-Chip „Sohu“ auf TSMC N4P, 800 Mio. $ eingesammelt, Karpathy und Hinton auf dem Cap Table.
- Samsung und SK Hynix planen zusammen ~1,3 Bio. $ für KI-ChipsDie schiere Größenordnung der Kapazitätsschlacht.
- Baidus KI-Chip-Sparte Kunlunxin plant 50-Mrd.-$-IPO in HongkongChinas Antwort auf die Nvidia-Abhängigkeit geht an die Börse.
- AWS baut eine 1-Mrd.-$-Truppe „Forward-Deployed Engineers“Eigene Ingenieur:innen ~45 Tage direkt in Kundenteams; der Kampf verlagert sich vom Modell zur Implementierung.
- Ramp-Studie: Firmen mit hohem KI-Einsatz stellen mehr ein (+10,2 % Headcount in 2 Jahren)Entry-Level sogar +12 %; die Autor:innen betonen Korrelation, nicht Kausalität.
- Coinbase halbiert KI-Ausgaben — obwohl die Nutzung steigtDas Effizienz-Signal, das gerade viele Labs nervös macht.
- BIS warnt: die KI-Blase ist das größte Risiko fürs FinanzsystemZirkular-Deals und Konzentration als Top-Risiko.
🔭 Längere Perspektiven
- Ethan Mollick — „The Twilight of the Chatbots“Die Arbeit verschiebt sich von „Nicht-Expert:innen füllen mit Chatbots Lücken“ zu „Expert:innen erledigen mit Agenten ganze Aufgaben“: Systeme, die früher zwei Stunden mit hoher Fehlerquote schafften, produzieren heute 16+ Stunden aus einem einzigen Prompt.
- OpenAI-Studie: der Shift von Chat zu Delegation ist messbarÖkonomie-Paper auf Basis von Codex-Nutzung: je besser die Agents, desto längere, komplexere und cross-funktionale Arbeit wird übergeben — auch Legal, Finance & Recruiting steigen ein.
- Reality-Check: Ford holt „Gray-Beard“-Ingenieure zurück, weil KI nicht liefertNicht jeder Prozess lässt sich wegautomatisieren — Erfahrung schlägt gerade den Agenten. Das hübsche Gegengewicht zum Hype.
- Die Stimmung dreht von „Tokenmaxxing“ zu EffizienzLindy-CEO hat 100 % des Traffics von Claude auf das billigere, offene DeepSeek umgestellt — ein Warnsignal für die Premium-Preise der Labs.
- Meredith Whittaker: KI-Agenten als Überwachungs-BackdoorAutonome Agenten brauchen Zugriff auf Kontakte, Nachrichten, Kalender und Zahlungsdaten — und reißen damit faktisch ein Loch in die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. „Chatbots sind nicht deine Freunde.“
- Karen Hao: KI als „neuer Kolonialismus“Die Labs versprächen Erlösung, ließen die ökonomische Torte für die meisten aber schrumpfen.
- NYT: Sechsstellige Tech-Gehälter reichen in San Francisco nicht mehrVor den OpenAI- und Anthropic-IPOs türmt sich eine neue KI-Vermögensklasse auf (laut Sacra 20+ potenzielle Milliardär:innen) und drückt selbst gut bezahlte Entwickler:innen aus dem Wohnungsmarkt.
🗣 Kritische Stimmen der Woche
Zeitraum KW 27 (~25.06.–02.07.). Ruhige Woche bei den üblichen Verdächtigen — mit einer großen Ausnahme.
- „Die Blase verliert die Luft“ — der GenAI-Fizzle (Gary Marcus)Praktisch im Alleingang von Gary Marcus getrieben: OpenAI schiebt den Börsengang wohl ins nächste Jahr, Nvidia/Oracle/Microsoft/SoftBank/Cerebras deutlich im Minus, chinesische Modelle gewinnen Marktanteil. Kernpunkt: steigende Umsätze sind kein Beweis für Profitabilität — mit Kommodisierung, Preiskrieg und dem Ende des „Tokenmaxxing“ könnte Hyperscaling „einer der größten Finanz-Fehlgriffe der Geschichte“ werden.
- KI-Agenten als Überwachungs-Backdoor (Meredith Whittaker)Whittaker warnt, dass autonome Agenten faktisch eine Hintertür in die E2E-Verschlüsselung reißen — thematisch verwandt mit Kate Crawfords älterer Agenten- und Privacy-Kritik.
👋 Zum Schluss
- Das wars :) Schönes Wochenende. Mit oder ohne Fußball. Mit KI oder ganz analog.
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